Hast du ein Kind, das einerseits extrem emotional feinfühlig ist, aber andererseits auf seinem Standpunkt beharrt, als ginge es um sein Leben? Dann hast du vielleicht ein hochsensibles Kind mit starkem Willen. Und ja, das ist eine Kombination, die Eltern oft an ihre Grenzen bringt.
Zitat: „Ich bin nicht stur – ich bin Meinungsstabil!“
Inhalt
Wie passen Hochsensibilität und Sturheit zusammen?
Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch zu sein: Ein Kind, das tief empfindet, oft überreizt ist und sich von lauten Geräuschen oder Ungerechtigkeiten überwältigt fühlt – und gleichzeitig so stur wie ein kleiner Esel sein kann. Doch dieser Widerspruch ist gar keiner!

Ich habe eine Sturheit, die es nicht erträgt, sich von anderen einschüchtern zu lassen. Bei jedem Versuch, mich einzuschüchtern, erhebt sich mein Mut.
Jane Austen
Hochsensible Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver wahr. Sie spüren Stimmungen, haben ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und können sehr genaue Vorstellungen davon haben, was für sie richtig oder falsch ist. Ihr Wille entspringt also nicht bloßer Dickköpfigkeit, sondern einem tiefen inneren Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. Sie halten an Überzeugungen fest, weil sie sich in ihrer Welt nur so geschützt fühlen.
Wann zeigt sich dieses Verhalten?
Eltern bemerken oft schon im Kleinkindalter, dass ihr Kind nicht nur besonders sensibel ist, sondern auch ungewöhnlich entschieden.
- Im Alter von zwei bis drei Jahren fangen viele hochsensible Kinder an, ihren Willen vehement zu verteidigen.
- Spätestens im Vorschulalter wird es offensichtlich, dass sie sich nicht leicht überreden lassen und sich an bestimmten Routinen oder Ideen verbissen festhalten.
- Im Schulalter führt das oft zu Frustmomenten – nicht nur bei den Eltern, sondern auch in der Schule oder mit Freunden.
Ein klassisches Beispiel: Dein Kind weigert sich strikt, eine bestimmte Hose anzuziehen, weil sie sich „nicht richtig“ anfühlt. Ein anderes Kind würde sich vielleicht nach ein paar Diskussionen fügen – aber dein Kind bleibt dabei. Nicht, um dich zu ärgern, sondern weil es für sein Empfinden eine tiefe Wahrheit ist.
Es gibt einige Besonderheiten von HSK, die zu berücksichtigen sind, wie z.B. ausgeprägtes ästhetisches Empfinden, das sensible sensorische Wahrnehmen von harten oder kratzigen Materialien auf der Haut. Wer diese andere Wahrnehmung berücksichtigt, wird wohl kaum versuchen, dem Kind eine kratzige, enge Wollstrumpfhose anzuziehen!
Warum Strafen oder Härte keine Lösung sind
Es kann unglaublich herausfordernd sein, wenn ein Kind sich so stark gegen Anweisungen oder Bitten sträubt. Doch harte Strafen oder autoritäre Maßnahmen sind bei hochsensiblen, willensstarken Kindern keine Lösung – im Gegenteil! Warum?
- Strafe verstärkt das Gefühl der Ohnmacht: Hochsensible Kinder haben oft ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Kontrolle. Wird ihnen diese genommen, fühlen sie sich noch hilfloser und reagieren mit noch mehr Widerstand.
- Härte trifft hochsensible Kinder tiefer als andere: Was bei anderen Kindern vielleicht ein kleiner Denkzettel ist, kann ein sensibles Kind tief verletzen und lange nachwirken. Wenn du den Vorfall längst vergessen hast, ist das für dein Kind evtl. ein Zeichen, nicht geliebt zu werden.
- Strafen schaffen Angst statt Verständnis: Ein Kind, das sich missverstanden fühlt, wird eher trotzig oder zieht sich zurück, anstatt aus der Situation zu lernen.
Der schmale Grat: Überbehütung oder Strenge
Eltern stehen oft vor der Herausforderung, das richtige Maß an Fürsorge zu finden. Überbehütung kann das Kind in seiner Entwicklung hemmen, während übermäßige Strenge sein Selbstwertgefühl beeinträchtigen kann. Ein ausgewogener Ansatz ist entscheidend: Biete deinem Kind Sicherheit und Unterstützung, während du ihm gleichzeitig Raum für eigene Erfahrungen lässt.
Eltern hochsensibler, willensstarker Kinder stehen oft täglich vor dieser Zwickmühle: Wie viel Schutz und Nachgiebigkeit ist richtig? Und wo ist eine klare Grenze nötig – ohne zu streng zu sein?
Typische Herausforderungen:
- Ein Kind ist überfordert und will nicht in den Kindergarten – nachgeben oder konsequent bleiben?
- Es weigert sich, sich anzuziehen – Verständnis zeigen oder auf Durchsetzung bestehen?
- Beim Spielen mit anderen gibt es ständig Konflikte – beschützen oder es selbst lösen lassen?
Balance ist der Schlüssel – die richtige Mischung zwischen Verständnis – Konsequenz – Nachgiebigkeit
- Empathie zeigen: Dein Kind braucht das Gefühl, verstanden zu werden. Sätze wie „Ich sehe, dass dich das gerade sehr beschäftigt“ oder „Ich verstehe, dass das unangenehm für dich ist“ helfen enorm.
- Sanfte Führung geben: Statt Machtkämpfe zu führen, biete Wahlmöglichkeiten an. „Du kannst diese Hose oder die andere wählen – was ist dir lieber?“
- Eigene Gefühle spiegeln: „Ich merke, dass dich das wütend macht. Ich möchte, dass wir gemeinsam eine Lösung finden.“
- Geduld bewahren: Diese Kinder brauchen oft mehr Zeit, um sich auf Veränderungen einzulassen.
Wie Eltern besser reagieren können
Hier ein paar typische Szenen aus dem Alltag – und wie du sie entspannt meistern kannst:
- Szene 1: Dein Kind will abends nicht ins Bett, weil es sich „noch nicht fertig fühlt“
- Falsch: „Jetzt ist Schluss, du gehst ins Bett!“
- Besser: „Ich verstehe, dass du noch nicht bereit bist. Wollen wir ein kleines Ritual machen, damit dein Körper sich entspannen kann?“
- Szene 2: Dein Kind besteht darauf, dass ein Spiel genau nach seinen Regeln gespielt wird
- Falsch: „So spielt man das nicht, hör auf zu bestimmen!“
- Besser: „Ich sehe, dass dir die Regeln wichtig sind. Können wir gemeinsam überlegen, wie wir sie für alle fair machen?“
- Szene 3: Dein Kind weigert sich, mit anderen Kindern zu teilen
- Falsch: „Du musst aber teilen, das gehört sich so!“
- Besser: „Ich verstehe, dass dir dein Spielzeug wichtig ist. Vielleicht kannst du ein anderes Spiel vorschlagen?“
Willensstärke als Geschenk betrachten
Auch wenn es anstrengend sein kann: Ein starker Wille ist eine großartige Eigenschaft! Diese Kinder lassen sich nicht so leicht von Gruppenzwang beeinflussen, stehen für ihre Überzeugungen ein und sind oft sehr kreativ in ihrer Problemlösung.
Die Willensstärke deines Kindes ermöglicht ihm, Ziele beharrlich zu verfolgen und sich nicht leicht von äußeren Einflüssen abbringen zu lassen. Das ist bekanntlich ein wichtiges Merkmal für erfolgreiche Menschen. Indem du also diese Stärke anerkennst und förderst, hilfst du deinem Kind, ein gesundes Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen zu entwickeln.
Wenn Eltern lernen, diese Eigenschaft zu lenken, anstatt sie zu brechen, können sie ein Kind großziehen, das nicht nur hochsensibel, sondern auch durchsetzungsstark, selbstbewusst und emphatisch ist.
Ein kleiner Trost für Eltern
Die Erfahrung zeigte, dass es gut ist, eigene Entscheidungen zu treffen und damit das Vertrauen in sich selbst zu stärken. Willensstarke Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen – und sie lernen daraus. Bleib geduldig, begleite dein Kind liebevoll und erinnere dich daran: Dein kleiner Sturkopf ist vielleicht ein zukünftiger Visionär, der seine Ziele mit Herz und Verstand verfolgt.

Das sind auch nicht immer die schlechtesten Menschen, die störrisch sind
Immanuel Kant (1724-1804)
Oft gestellte Fragen zum Thema: hochsensible, willensstarke Kinder
Warum ist mein Kind so sensibel und gleichzeitig so stur?
Hochsensible Kinder erleben die Welt intensiver, haben ein starkes Bedürfnis nach innerer Ordnung und Sicherheit. Ihr Wille entspringt oft der Überzeugung, das Richtige zu tun, nicht bloß Trotz.
Ab wann zeigt sich diese Kombination?
Meist schon im Kleinkindalter ab zwei bis drei Jahren. Besonders deutlich wird es im Vorschul- und Schulalter.
Wie kann ich verhindern, dass mein Kind sich durch seinen starken Willen selbst im Weg steht?
ndem du ihm beibringst, flexibel zu denken, ohne seine Gefühle und Überzeugungen zu ignorieren. Hilf ihm, Kompromisse als Gewinn zu sehen.
Sind hochsensible, willensstarke Kinder später erfolgreicher?
Ja, oft! Ihre Beharrlichkeit gepaart mit Empathie macht sie zu starken Persönlichkeiten, die ihre Werte vertreten und oft große kreative oder soziale Stärken haben.
Quellen: Gierok, S. (2023). Hochsensible Kinder: Förderung des Selbstkonzepts durch psychomotorische Interventionen. Universität Wien. Link
Borghoff, K. (2021). So feinfühlig und so stark: Hochsensible Kinder verstehen und begleiten. Beltz Verlag. Link
Titelfoto: Mahdi Bafande via unsplash
Bild Mitte: Ellen Kerbey via unsplash
Bild unten: Saeed Karimi. via Unsplash







